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Kontinuität der Wirtschaft durch Kompromiß bei Lohnfrage retten
Quelle: GA 185a, S. 057-061, 3. Ausgabe 1982, 10.11.1918, Dornach
Man kann, wenn man diese oder jene nationalökonomische Theorie durchgeochst hat, das eine oder das andere für das Richtige halten, aber das besagt gar nichts für die Wirklichkeit, für dasjenige, was zu tun ist. Für dasjenige, was zu tun ist, besagt heute etwas einzig und allein das Faktum, was in den Köpfen der proletarischen Massen drinnen ist. Und das ist sehr uniform, das hat sich durch Jahrzehnte sehr uniform ausgebildet, und mit dem muß vor allen Dingen gerechnet werden.
Man muß sich vor allen Dingen klar darüber sein, daß gewisse Dinge, die angestrebt werden müssen, verständnisvoll verfolgt werden müssen, wenn sich das Bürgertum überhaupt rangieren will mit dem Proletariat. Unternehmergewinn - die Tendenz der Arbeiterschaft geht darauf hin, den Unternehmergewinn so zu gestalten, daß aus dem Unternehmergewinn nichts einfließe in den privaten Erwerb. Dieses ist aber eine Sache, über die eine Verständigung mit dem Proletariat durchaus möglich wäre. Wenn man verfolgen würde all die Kanäle, all die Rinnsale, in die sich im volkswirtschaftlichen Körper ergießt dasjenige, was Kapital ist, und dann, wenn das Kapital die Form des Unternehmergewinns annimmt, wenn man das alles verfolgt, und wenn man sich zu gleicher Zeit sagt: Das hat das ärgste Mißtrauen des Proletariats hervorgerufen gegen das Bürgertum, namentlich gegen die Großbourgeoisie, daß in ausgiebigstem Maße der Unternehmergewinn in den Privaterwerb einbezogen worden ist - darüber wird sich in der Zukunft überhaupt nicht streiten lassen -, dann ist man auf dem rechten Wege. Dann wird man aber auch, wenn man Verständnis zeigt für dasjenige, was in diesem Punkte das Proletariat will, die Mittel und Wege finden, um jene tiefe soziale Schädigung hintanzuhalten, die dann eintreten muß, wenn im Sinne des radikalen Proletariats heute der Unternehmergewinn bekriegt wird. Es liegen leider die Dinge so, daß nach den Kenntnissen, die die Bürgerlichen von diesen Dingen haben, meistens gar nicht diskutiert werden kann mit dem Proletariat, weil diese Kenntnisse eben nicht da sind, weil der Bürgerliche heute nichts weiß von den Kanälen und von den Funktionen, in denen so etwas wie Unternehmergewinn - von einer Fabrik der Gewinn des Unternehmers, oder von irgend etwas anderem der Gewinn des Unternehmers - sich ergießt. Da dem Proletarier notwendig die Ausblicke fehlen, in die die eine oder die andere soziale Gestaltung führt, so bekämpft er nur die Schäden, die allmählich durch das Verhalten des Bürgertums in bezug auf den Uinernehmergewinn hervorgerufen worden sind, aber er ruft dadurch ganz sicher nur Zerstörung, nur Untergang hervor. Sache des Bürgertums wäre es nun, über diesen Punkt sich im einzelnen zu verständigen. Gerade wenn man sich in diesen Einzelheiten verständigen würde, so würden diejenigen, die fähig sind dadurch, daß sie bisher in den Wirtschaftskörpern drinnengestanden haben, führende Stellungen hatten in den Wirtschaftskörpern, die darum einzig und allein nur die Kenntnisse hätten, um die Kontinuität des Wirtschaftslebens fortzuführen, ganz von selbst nach dem Willen des Proletariats an erste Stellen gestellt werden; ob nun durch Arbeiter- und Soldatenräte oder andere Räte, sie würden schon ganz von selbst dort hineinkommen. Aber es muß die Möglichkeit vorhanden sein, wirklich über etwas zu verhandeln mit den Leuten. Wenn die Möglichkeit vorhanden ist, über etwas zu verhandeln, so daß die Leute wissen: Aha, der weiß selber, was wir eigentlich wollen, aber er weiß noch etwas mehr -, dann kommt, was kommen muß: Vertrauen, das heute nicht vorhanden sein kann. Denn der Zustand kann nie eintreten, daß, wenn die Proletarier einfach den Glauben haben müssen: Nun ja, jetzt haben sie das Heft in der Hand, und die Bürgerlichen, die bisher sich so und so benommen haben, die wollen sich jetzt auch hinsetzen an den Tisch -, daß sie da gleich aus Gutmütigkeit sie mit hinsetzen lassen werden; das wird nicht eintreten, sondern es muß das durch Vertrauen gestützt sein. Und die Schwierigkeit besteht darinnen, daß eigentlich in weitesten Kreisen keine Möglichkeit besteht, eine gemeinsame Sprache zu sprechen. Man kann ja dann die verschiedensten Ansichten haben, aber man muß eine gemeinsame Sprache sprechen können.
Dann muß man sich aber darüber klar sein, daß nicht nur der Unternehmergewinn, sondern auch die Rente wesentlich angefochten werden wird. Nun hat ja gerade die Rente zu den ärgsten Auswüchsen geführt, und aus den Masseninstinkten heraus wird nicht nur der Unternehmergewinn bekriegt, sondern selbstverständlich auch die Rente bekriegt werden. Nun ist es ganz klar, daß wieder nur derjenige in diese Dinge hineinsehen kann, der die Funktionen der Rente überschaut. Und da handelt es sich darum, daß es heute leicht ist, wenn man die Sprache des Proletariats handhabt, es wenigstens bis zur Diskussion zu bringen - Verständnis wird sich nur langsam und allmählich entwickeln, gegenseitiges Verständnis - und es bis zu einer gewissen Art von Vertrauen zu bringen.
Nicht wahr, beim Unternehmergewinn handelt es sich ja darum, daß man einsehe, daß man wirklich nicht den Unternehmergewinn betrachte als eine Grundlage für privaten Erwerb, sondern daß alles, was Unternehmergewinn ist, zu einem nur in dem Verhältnis steht, daß man die Sache zu verwalten hat, daß man mit der Sache zu wirtschaften hat, und daß der Unternehmergewinn in der Zukunft nicht hineingehen darf in den privaten Erwerb, in all dasjenige, was privater Erwerb ist. Bei der Rente handelt es sich darum, daß die Welt ohne Rente gar nicht leben kann, denn von der Rente im weitesten Sinne muß das ganze geistige Leben, Erziehung, Unterricht und alles erhalten werden, und außerdem müssen die nicht arbeitsfähigen und kranken Menschen, die alten Menschen und dergleichen eigentlich aus der Rente erhalten werden. In dem Augenblick, wo man sachgemäß über diese Dinge redet, würde es sich selbstverständlich darum handeln, daß man wenigstens in eine fruchtbare Diskussion kommt, aber man muß sich auch klar darüber sein, daß es unmöglich ist, in eine fruchtbare Diskussion zu kommen, wenn man nicht weiß, daß das wirklich Berechtigte der Rente nur darinnen bestehen kann, daß sie in diese Richtungen geleitet wird, von denen ich eben gesprochen habe.
Das dritte ist der Lohn, den ja das Proletariat so regeln will, daß kein Mehrwert sich ergibt, der in etwas anderes fließt als in den nicht zum privaten Erwerb umzusetzenden Unternehmergewinn und in die berechtigte Rente. Natürlich ist es ein Horror für die auf diesem Gebiete ganz kenntnislose bürgerliche Bevölkerung, darinnen Einsicht zu gewinnen, daß nun wirklich niemand auch nur im geringsten etwas zu fürchten hat, wenn im Prinzip das wirklich besteht: daß jedem zufällt das Erträgnis seiner Arbeit, daß tatsächlich die volkswirtschaftliche Struktur so ist, daß sich für jeden Arbeitenden umwandelt die Arbeit in Erträgnis seiner Arbeit. Ein Ideal ist es nicht, das können Sie aus einem Aufsatz « Geisteswissenschaft und soziale Frage » sehen, aber es handelt sich heute nicht um ein Ideal, sondern um dasjenige, was allein erreicht werden kann in der unmittelbaren Zukunft. Und da handelt es sich darum, daß man in der Tat ein Verständnis dafür erweckt, welches das Minimum des Mehrwertes ist, und nur das Minimum des Mehrwertes zurückhält von dem Lohn, der dann nicht mehr Lohn sein wird, sondern der einfach Entschädigung sein wird für Arbeit.
In der allergerechtesten Weise, man kann sogar sagen, in der allerbequemsten Weise würde sich die soziale Struktur gestalten, natürlich nach und nach, wenn man zunächst gar nichts anderes wollte, als mit wirklichem Verständnisse nach diesen drei Richtungen hin sich zu rangieren. Denn man würde dann zunächst dasjenige hervorrufen, was das Allernotwendigste ist: man würde hervorrufen die Möglichkeit einer Kontinuität des Wirtschaftslebens. Und das ist vor allen Dingen notwendig. Das ist dasjenige, was nicht möglich war auf dem Gebiete des Bolschewismus in Rußland und was niemals möglich sein wird, wenn nicht eine Rangierung in dem angedeuteten Sinne stattfindet. Anders als in dem angedeuteten Sinne ist es nicht möglich.
Nach diesen drei Richtungen hin handelt es sich darum, daß man vor allen Dingen so Verständnis erweckt, daß aus diesem Verständnis eine Bewegung nach der Regel nach diesen drei Richtungen geschieht. Dadurch allein ist es möglich, daß die tauglichen Führer des wirtschaftlichen Lebens - was nämlich dringend notwendig ist, wenn nicht unermeßliches Unheil kommen soll; die Tauglichen, nicht die Untauglichen, die müssen selbstverständlich heraus - diesem wirtschaftlichen Leben wirklich erhalten bleiben. Es ist unter keinen anderen Verhältnissen möglich, das Proletariat für die Kontinuität des Wirtschaftslebens zu gewinnen, als wenn man in dieser Weise eine ihm verständliche Sprache zu führen vermag. Die Kontinuität des Wirtschaftslebens, die muß erhalten werden. Und dann muß Verständnis dafür hervorgerufen werden, welches die inneren Zusammenhänge sind.
Sehen Sie, ein Zusammenhang, der vor allen Dingen eine große Rolle in der nächsten Zeit wird spielen müssen, wenn nicht unermeßliches Unglück, das verhütet werden kann und verhütet werden darf, trotz des Weltenganges heraufkommen soll, das ist der: Alles, was heute Proletariat ist, ist ja in seinem Denken doch genährt von den perversen wissenschaftlichen und sonstigen Auseinandersetzungen der letzten Jahrhunderte - und namentlich des letzten Jahrhunderts - des Bürgertums. Das Proletariat hat ja alles das geerbt, was das Bürgertum hervorgebracht hat in bezug auf Denken und Vorstellen. Das Proletariat steht nur in einer anderen Weise in der Welt drinnen und zieht andere Konsequenzen daraus. Der Ursprung von dem, was die Bolschewisten tun, liegt in der Universitätsbildung von heute, in der Gestaltung, welche das Erziehungswesen gerade der bürgerlichen Klassen gefunden hat. Denn die Proletarier haben ja nichts anderes gelernt als dasjenige, was die bürgerlichen Klassen produziert haben. Sie ziehen eben nur in ihrer Art die Konsequenzen daraus. Deshalb ist es notwendig, vor allen Dingen dafür Verständnis hervorzurufen im Proletariat selber, wie sie eigentlich von den abgefallenen Brocken des unbrauchbaren bürgerlichen Denkens zehren und nun eine Bewegung hervorrufen wollen, die doch nur ohnmächtig sein kann, weil sie eben aus dem unfruchtbaren Bourgeois-Denken hervorgeht. Dieses Verständnis muß erweckt werden, kann aber natürlich nicht anders erweckt werden, als daß man sich klar wird darüber, daß nun in der Bourgeoisie selber eine völlige Umkehrung stattfinden muß gerade in bezug auf diesen Punkt, in bezug auf das geistige Leben, in bezug auf das Bildungswesen. Die ganze Art der Einrichtungen des Bildungswesens ist eben wirklich für die neue Zeit nicht zu gebrauchen, und es muß einfach dafür gesorgt werden, daß die Kontinuität des Wirtschaftslebens so lange aufrecht erhalten wird, bis überwunden wird alles dasjenige, was in ungesunder Weise in unsere Volkswirtschaft eingreift von dem ungesunden Bourgeois-Getriebe des Lebens.