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Frage nach Steuersystem noch verfrüht
Quelle: GA 189, S. 028-029, 2. Ausgabe 1957, 16.02.1919, Dornach
Die Menschen, in denen der soziale Impuls heute mächtig wogt und sprüht, haben vielfach primitive Begriffe. Es gibt ja noch viele Menschen, sowohl in den leitenden Kreisen wie in der proletarischen Welt, die sich vorstellen, daß eine einfache Umschichtung eine wirkliche Änderung bringen könne. Also zum Beispiel wenn diejenigen, die bisher oben waren, die Minister und Staatssekretäre, herunterpurzeln und die anderen, die bisher in irgendwelchen Proletarierpositionen waren, hinaufsteigen, wenn also einfach eine Umschichtung stattfinde. Es wäre eine ganz irrtümliche Vorstellung, wenn man sich einbilden würde, daß dadurch die Dinge anders werden können. Manche Leute werden bestreiten, solch eine Vorstellung zu haben, haben sie aber im Grunde dennoch. Sie sind nur umnebelt von allerlei Parteianschauungen, und dadurch kommt ihnen nicht zum Bewußtsein, daß sie eigentlich die Vorstellungen haben, die ich jetzt angedeutet habe. Es kommt aber darauf an, daß die Menschen sich in wirklich einfacher Weise ein Verständnis erwerben für die hier sowie in öffentlichen Vorträgen vielfach behandelte notwendige Dreigliederung des sozialen Organismus; es kommt darauf an, daß alle Einzelheiten in den sozialen Maßnahmen sich so entwickeln, daß Rechnung getragen werde der Notwendigkeit, die in dieser Dreigliederung liegt. Ob man nun Maßnahmen zu treffen hat mit Bezug auf den Bau einer Eisenbahn, die einer Privatgesellschaft oder dem Staate übertragen werden soll, oder ob man zu entscheiden hat über die Art und Weise, wie man bei irgendeiner Gelegenheit Leistungen entlohnt - ich sage nicht Arbeitskräfte, sondern Leistungen -, bei allen diesen Dingen kommt es darauf an, daß man seinen Maßnahmen die Richtung gibt nach dieser Dreigliederung, nach der Verselbständigung des geistigen, des rechtlich-politischen und des wirtschaftlichen Lebens. Gewiß können Sie Fragen aufwerfen: wie soll das eine oder das andere geschehen? Das sind in dem Stadium, in dem heute die Sache steht, zum großen Teil falsch aufgeworfene Fragen. Der Geist, der in dieser Dreigliederung lebt, läßt sich etwa in der folgenden Weise umschreiben: Was ist, um ein Beispiel herauszugreifen, das beste Besteuerungssystem? Nun handelt es sich heute gar nicht darum, dieses beste Besteuerungssystem auszudenken, sondern darum, auf die Dreigliederung hinzuarbeiten. Und wenn diese Dreigliederung sich immer mehr und mehr verwirklicht, so wird durch die Tätigkeit dieser Dreigliederung des sozialen Organismus das beste Steuersystem entstehen.
Es handelt sich darum, die Bedingungen herzustellen, unter denen die besten sozialen Einrichtungen entstehen können. Denn darum, daß irgendeiner den Gedanken hat, das beste auszuspintisieren, darum kann es sich gar nicht handeln, das hat gar keinen Wirklichkeitswert. Stellen Sie sich doch nur einmal vor, irgendeiner von Ihnen wäre ein so großes Genie, wie es noch gar nicht dagewesen ist in der menschheitlichen Entwicklung, und dadurch in der Lage, das beste Steuersystem auszudenken. Wenn Sie aber allein in der Welt stehen mit ihrem so ausgezeichnet ausgedachtem Steuersystem, und die anderen wollen das nicht, sie wollen vielleicht ein weniger gutes, aber sie wollen das Ihrige nicht: - das ist es dann, worauf es ankommt. Nicht darauf kommt es an, das Beste zu denken, sondern dasjenige zu finden, auf Grund dessen die Menschheit in ihrer Gesamtheit das Beste tun wird. Nun können Sie allerdings sagen: irgendwo muß man doch anfangen! Man muß die Dreigliederung einrichten, auch wenn die Menschen sie scheinbar nicht wollen.
Das ist etwas anderes, denn da handelt es sich nicht um etwas, was die Menschen so wie irgendein Steuersystem wollen können oder nicht wollen können, sondern das wollen im Grunde alle Menschen, wenn sie es nur verstehen. Wenn Sie den richtigen Weg finden, können Sie es den Menschen wirklich verständlich machen, weil die Menschen im Unterbewußten wollen, daß sich das in den nächsten Jahrzehnten über die zivilisierte Welt hin realisiert. Das ist nicht ausgedacht, sondern das ist beobachtet, was die Menschen wollen.