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Demokraten keine Analphabeten
Quelle: GA 329, S. 133-134, 1. Ausgabe 1985, 02.04.1919, Basel
Aus einem guten Instinkt heraus, wenn auch nicht gerade aus einer besonderen Schätzung der Religion, aus einem guten Instinkt heraus hat mit Bezug auf Religion die moderne Sozialdemokratie das Wort geprägt: Religion muß Privatsache sein. In demselben Sinne, so sonderbar das auch heute noch den Menschen klingt, muß alles geistige Leben Privatsache sein und auf dem Vertrauen beruhen, das diejenigen, die es entgegennehmen wollen, zu denjenigen haben, die es leisten sollen. Gewiß, ich weiß, viele Menschen fürchten heute, daß wir alle wiederum, respektive unsere Nachkommen, Analphabeten werden, wenn wir uns unsere Schule selber wählen können. Das werden wir schon nicht werden. Es haben ja heute vielleicht gerade Angehörige leitender Kreise, bisher leitender Kreise, recht viel Veranlassung, so über die Bildung zu denken; sie erinnern sich, was es ihnen für Mühe gemacht hat, das bißchen Bildung sich anzueignen, welches ihnen ihre gesellschaftliche Stellung sichert. Dasjenige aber, was der dreigeteilte soziale Organismus von den Menschen fordert, das wird gerade unter dem Einfluß des modernen Proletariats bei einem freien Geistesleben wahrhaftig nicht zum Analphabetismus führen.
Ich bin völlig überzeugt davon, wenn man auf diese Weise zu verwirklichen in der Lage ist den völlig demokratischen Rechtsstaat, der das Arbeiterrecht sichert, in dem jeder Mensch über dasjenige, was gleich ist für alle Menschen, mitzuberaten hat, dann wird sich insbesondere das moderne Proletariat nicht dazu hergeben, den Analphabetismus besonders zu predigen, dann wird es schon von sich aus auch in einem freien Geistesleben fordern, daß die Menschen nicht so zur Wahlurne geführt werden, wie es jetzt erzählt werden kann zuweilen aus einzelnen Gegenden eines Nachbarstaates, wo die Mönche und die Landpfarrer die Idioten- und Irrenanstalten ausgeräumt haben, um diejenigen Leute, die nicht einmal wußten, wie sie hießen, zur Wahlurne zu führen.