Wenn Geld immer mit Leistung zu tun hat, gibt es keinen Arbeitszwang mehr

Quelle: GA 331, S. 058-061, 1. Ausgabe 1989, 14.06.1919, Stuttgart

Sie brauchen nur einen wirklichen Lebenssinn dafür zu haben, was ein Stück Papier ist, und Sie werden sich sagen: Ein Stück Papier kann niemals in derselben Weise Ware sein wie zum Beispiel ein Laib Brot, den Sie im Laden kaufen. Ich meine, das ist etwas, was der schlichteste Verstand einsehen kann, und etwas anderes kann keine Wissenschaft behaupten. Das, was Sie als Geldzettel aus Ihrem Portemonnaie herausnehmen, kann keine Ware sein, sondern nur eine Anweisung auf den Erhalt einer Ware, nichts anderes. Deshalb muß es aber herkommen von der Ware. Es muß einmal eine Ware erzeugt, also etwas geleistet worden sein. Leistungen sind in diesem Sinne auch Ware. Dieses Papierstück muß geschaffen worden sein durch einen solchen Vorgang, der Ware, der Leistung hervorbringt, und so bildet das Papierstück nur die Brücke zwischen der Ware, die Sie im Laden kaufen, und jener Ware, die einmal erzeugt sein muß, damit man auf diese Ware die Papieranweisung hat erhalten können. Das ist, schlicht gesagt, der Wirtschaftsprozeß. Jedes andere Element im Wirtschaftsprozeß ist ungesund. Es kann im Wirtschaftsprozeß nichts anderes getauscht werden, wenn er gesund sein soll, als Ware gegen Ware.

Nun fragen wir aber: Wird heute im Wirtschaftsprozeß bloß Ware gegen Ware getauscht? Nein, und sobald man sich das ordentlich überlegt, kommt man auf das, um was es sich handelt. Heute wird im Wirtschaftsprozeß nicht bloß Ware gegen Ware getauscht, sondern heute wird im Wirtschaftsprozeß noch Ware, wenn auch vielleicht repräsentiert durch das Geld, also Ware oder Geld getauscht gegen Arbeit. Die Arbeitskraft wird heute im Wirtschaftsprozeß ebenso bezahlt wie Ware. Dadurch aber ist die Arbeitskraft in den Wirtschaftsprozeß hineingestellt.

Sehen Sie, es gibt eine ganz schlichte Überlegung, die Ihnen zeigen kann, daß die Arbeitskraft gar nicht in den Wirtschaftsprozeß hineingehört, weil sie in ihrer Art eigentlich niemals mit irgendeiner Ware verglichen werden kann. Man muß nur mit Bezug auf solche Dinge heute die ganz vertrackten Vorstellungen der Menschen zurechtrücken. Man muß darauf kommen, wie die Menschen gelernt haben, über diese Dinge verkehrt zu denken.

Sehen Sie einmal, es ist doch Arbeitsleistung verbunden mit einer gewissen Anstrengung des menschlichen Organismus. Nun, der Mensch kann sogar, auch wenn er es nicht nötig hat, zum Beispiel Holz zu hacken, das Bedürfnis haben, dennoch zu arbeiten. Dann treibt er zum Beispiel Sport. Und die Arbeitsmenge, die einer auf den Sport verwendet, die könnte unter Umständen gerade ebensoviel den Körper abnutzen - wenn er sich beim Sport besonders anstrengt - wie die Arbeit dessen, der Holz hackt, den Körper abnutzt. Die Arbeit hat nichts zu tun mit dem wirtschaftlichen Prozeß, sondern die Arbeit hat nur dadurch mit dem Wirtschaftsprozeß etwas zu tun, daß sie auf etwas wirtschaftlich Wertvolles angewendet wird. Sport ist etwas wirtschaftlich Wertloses, ist bloß für den Egoismus des Menschen da. Holzhacken ist wertvoll. Dadurch, daß die Arbeit wirtschaftlich wertvoll ist, wird sie Bestandteil des Wirtschaftsprozesses. Aber das, was bei der Arbeit das Wesentliche ist, das ist, daß ich in bezug auf die Verwendung meiner Arbeit ein freier Mensch sein muß, daß ich nicht durch einen wirtschaftlichen Zwang dazu veranlaßt werden kann, meine Arbeit in einer beliebigen Weise in den Dienst des Kapitalismus zu stellen. Wenn es sich um die Verwendung der Arbeitskraft handelt, da greifen Freiheit und Unfreiheit und Zwang ein. Wie die Arbeit als solche ein Gegenstand des Rechts sein muß und nicht ein Gegenstand des Wirtschaftslebens, ist daher dasjenige, was man sich in ganz einfacher Weise klarmachen muß.

Im Wirtschaftsleben hat nur das eine Bedeutung, was durch Arbeit erzeugt, hervorgebracht wird; das muß bezahlt werden. Nicht aber muß dasein ein Unternehmer, der einem Arbeiter seine Arbeitskraft bezahlt. Wie sich der Arbeitsleiter und der Arbeiter zueinander verhalten, das muß auf einem ganz anderen Boden, auf dem Boden des Rechts, ausgemacht werden. In bezug auf das Wirtschaftsleben können, wenn wirkliches Recht vorhanden ist, der Arbeiter und der Arbeitsleiter nur Gesellschafter sein, die den Ertrag der Leistung in gerechter Weise unter sich verteilen. In Zukunft darf es keine Bezahlung der Arbeitskraft mehr geben, das heißt: Das Lohnverhältnis muß weg, das Lohnverhältnis darf ferner nicht existieren.

Es muß ein Zustand herbeigeführt werden, und das ist dann ein sozialer Zustand, in dem der Arbeitsleiter und der Arbeiter die Waren gemeinschaftlich erzeugen und das, was sie als freie Gesellschafter miteinander erzeugen, in einer gerechten Weise nach dem Warenvertrag, nicht nach dem Arbeitsvertrag, miteinander teilen. Erst wenn eine solche Umgestaltung der Produktionsverhältnisse herbeigeführt wird, kann man von Sozialisierung sprechen. Dann hört man aber auch damit auf, in einem Sozialisierungsprogramm alle die alten Begriffe, die noch auf dem Kapitalismus basieren, zu verwenden. Man muß ganz gründlich umdenken. Man muß wirklich die alten Vorstellungen über den Haufen werfen, nicht etwa bloß weil sie Vorstellungen sind, sondern weil sie im Leben drinnenstecken.

Nun muß aber noch etwas beachtet werden. Wenn die Arbeitskraft innerhalb des Wirtschaftsprozesses in ein Zwangsverhältnis gestellt werden soll, dann muß etwas dasein. Was ist denn das? Sehen Sie, da muß ich wieder zurückkommen auf die Urtatsache des Wirtschaftsprozesses, auf das Portemonnaie und den Laden. Wenn der Zettel, den ich im Portemonnaie habe, wirklich nichts anderes ist als die Anweisung auf eine Ware, dann kann im Grunde genommen gar kein Arbeitszwang herrschen, denn dann muß in irgendeiner Weise dieser Schein immer zurückführen auf etwas, was als Leistung in die Welt gesetzt worden ist. Und es handelt sich nur darum, daß dann diese Leistung in der entsprechenden Weise zirkuliert, zirkuliert so, daß der Verbrauch die Produktion jederzeit regelt. Aber so ist die Sache ja heute nicht. Das, was ich da im Portemonnaie trage, das ist nämlich durch den Wirtschaftsprozeß der neueren Zeit etwas ganz anderes geworden als eine Anweisung auf die Ware. Das ist nämlich selber Ware geworden, ist etwas geworden, was in der sozialen Ordnung einen selbständigen Wert hat. Das ist es aber nur dadurch geworden, daß eine Warenart - die im Grunde genommen ganz ausgeschaltet werden könnte, wenn sie nur der führende Handelsstaat England auch mit ausschalten würde, dann könnte sie ganz aus dem Wirtschaftsprozeß ausgeschaltet werden, in einem inneren Wirtschaftsprozeß kann sie immer ausgeschaltet werden, man würde dann nur noch gegenüber dem Ausland eine andere Rücksicht zu nehmen brauchen -, daß dieser Schein, den ich im Portemonnaie trage, eine andere Bedeutung hat, als eine bloße Anweisung auf Ware zu sein. Dies rührt nun daher, daß durch die Staatsverhältnisse eine Ware geschaffen worden ist, die eigentlich keine Ware ist, nämlich das Gold oder Silber. Beide sind ja in Wirklichkeit keine Ware, werden aber repräsentiert durch den Schein. Dadurch wird der Geldprozeß losgelöst vom Wirtschaftsprozeß, wird herausgezogen aus dem Wirtschaftsprozeß, dadurch wird das Geld selber zur Ware gemacht, und dadurch kann das Geld, das in Wahrheit keine Ware sein darf, im Wirtschaftsleben für sich ganz selbständig werden. Das ist aber die Grundlage des Kapitalismus.

[Wenn man mit dem Geld selbständig wirtschaften kann, was entsteht da? Da Geld niemals anders geschaffen werden kann als dadurch, daß Waren erzeugt werden, Ware aber im arbeitsteiligen Wirtschaftsleben nie anders erzeugt werden kann als durch Arbeit, so entsteht Macht über die Arbeitskraft durch das Kapital. Kapital ist nichts anderes als Macht über menschliche Arbeitskraft.]* Man bekommt die Möglichkeit, sich menschliche Arbeitskraft zu verschaffen, indem man das Geld als selbständige Ware loslöst von dem Wirtschaftsprozeß, während das Geld eigentlich bloß ein wertloser Schein sein sollte im Sinne einer Anweisung auf das, was man als Ware durch das Geld eintauscht. Durch diese Loslösung des Geldes aber ist die Arbeitskraft zum Knecht der Macht « Kapital » geworden. Dadurch waltet heute etwas in dem Wirtschaftsprozeß, was ihn zum Beispiel in bezug auf die Preisbildung fortwährend verfälscht. Denn während ich nur die Ware bezahlen sollte, muß ich mitbezahlen die Arbeitskraft. Aber weil über die Arbeitskraft die Macht des Kapitals herrscht, wird die Arbeitskraft so billig wie möglich bezahlt, weil natürlich eine Macht, die herrscht, die Tendenz hat, so billig wie möglich einzukaufen. Ist die Arbeitskraft im Wirtschaftsprozeß selbst enthalten, so wird sie durch den Kapitalismus verbilligt.

Worauf es nun ankommt, das ist, daß die Arbeitskraft aus dem Wirtschaftsprozeß heraus muß. Im Wirtschaftsprozeß darf nur Ware sein.