Demokratie als abstrakte Gemeinschaft

Quelle: GA 329, S. 202-203, 1. Ausgabe 1985, 14.10.1919, Bern

Gewiß, man kann in abstracto die Forderung erheben, daß dasjenige, was bisher geleistet worden ist durch die leitenden, führenden Kreise, die die Gedanken geliefert haben zur Struktur der modernen Wirtschaft, ihnen abgenommen und von der Gemeinschaft verwaltet werden kann. Demjenigen aber, der nun nicht hineinsieht aus dem menschlichen Empfinden heraus, aus den Emotionen heraus in das Getriebe des Lebens, sondern unbefangen dieses Getriebe des Lebens beobachtet, ja, dem erscheint als drohender Gedanke für die nächste Menschenzukunft dieser: Wenn es nun wirklich geschehen könnte, daß verwirklicht würde die Übernahme dessen, was bisher durch einzelne Individualitäten [...] geleistet worden ist - wenn das auch Schäden in seinem Gefolge gehabt hat -, wenn das nun durch die Gemeinsamkeit geleistet werden sollte, so würde es wahrscheinlich mit dieser Gemeinschaft so gehen, wie es in der Mitte der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts den Japanern gegangen ist, die aus einem gewissen Nationalstolz heraus gehandelt haben, als sie die ersten Kriegsschiffe übernommen haben von den Engländern. Die Engländer boten ihnen auch die Lehrmeister zu diesen Kriegsschiffen an; aber sie haben diese englischen Lehrmeister weggeschickt und wollten nun selber fahren. Und nun konnte man vom Lande aus sehen das schöne Schauspiel, wie die Kanonenboote fortwährend im Kreise sich drehten; sie konnten nicht vorwärtskommen, denn die Japaner hatten nicht gelernt, wie es zu machen ist. Es war vergessen worden zu zeigen, wie man das Ventil schließt und öffnet, wodurch der überflüssige Dampf abgeht. Und so konnten sie nichts machen, mußten abwarten, bis die Dampfkraft ganz verbraucht war.

So fürchtet man, wenn man in die Dinge wirklich hineinschaut, wie sie sich heute im sozialen Leben vollziehen, daß es gehen könnte, wenn dasjenige, was die einzelnen der führenden, leitenden Kreise aus Sachkenntnis und Sachtüchtigkeit heraus, wenn auch mit Schäden, leisten, übernommen werden sollte von der abstrakten Gemeinschaft, die demokratisch urteilt, wie nun das, was man produzieren soll, mit den technischen Verwaltungen und so weiter eingerichtet werden soll.

Das alles sind Dinge, die sich nicht an parteimäßige Programme hängen, nicht aus einer Parteischablone ergeben, die sich aber demjenigen ergeben, der das Leben praktisch und unbefangen ansieht, und wirklich den Willen hat, auf dieses Leben praktisch und unbefangen einzugehen.