Arbeitsrecht für geistige und physische Arbeit statt Ausblendung von Seele und Wille

Quelle: GA 198, S. 182-186, 1. Ausgabe 1969, 04.07.1920, Dornach

Heute handelt es sich darum, daß man einen Gesichtspunkt gewinne, der nicht mehr Vorurteile in dem Sinne hervorruft, daß man eine einseitige Beweisführung für richtig hält, sondern der gestattet, das Leben so universell zu übersehen, daß man wirklich das Gewicht der einen Gründe, wie auch das Gewicht der Gründe auf der Gegenseite abwägen kann. Man muß heute einsehen, wieviel für sich haben die Gründe auf der einen Seite, auf der materialistischen Seite, und wieviel für sich haben die Gründe auf der spirituellen Seite. Das heißt, niemals war es so notwendig wie gegenwärtig, daß die Menschen keine Fanatiker seien. Aber der Fanatismus, der heute geradezu eine Zeiterscheinung ist, kann nur überwunden werden, wenn der Mensch in sich selber eröffnet den Quell, der ihn zu einer wirklichen Einsicht in die geistigen Zusammenhänge der Welt führt. Daher ist die Befruchtung unserer abendländischen Zivilisation mit den Ergebnissen der Geisteswissenschaft eben eine so eminente Notwendigkeit. Man kann also sagen in strenger Beweisführung, wenn man will - darauf kommt es immer an, daß man will -, man kann sagen, geistige Arbeit gerinne in das Produkt. Man kann auch sagen, körperliche Arbeit gerinne in das Produkt. Aber womit hat man es denn in Wirklichkeit zu tun? In Wirklichkeit hat man es damit zu tun, daß gewisse Vorgänge in der äußeren Welt von den Menschen in einer gewissen Weise geleistet werden. Nehmen Sie an, ich pflücke einen Apfel vom Baum. Das ist eben doch etwas, was auch als ein Addend in der Summe wirtschaftlicher Zusammenhänge etwas zu tun hat. Man muß ja sehen, welche Elemente die Wirklichkeit zusammensetzen. Wenn ich einen Apfel vom Baum pflücke, so rufe ich eine Veränderung in der Außenwelt hervor, eine Metamorphose: erst ist der Apfel auf dem Baum oben, dann liegt er vielleicht in meinem Körbchen drin. Diese Veränderung habe ich hervorgerufen.

Gewiß, es hat sich in mir ein Vorgang abgespielt, im Verlauf dessen auch körperliche Kraft verbraucht worden ist, die wieder ersetzt worden ist. Aber wenn ich in derselben Zeit, in der ich den Apfel gepflückt hätte, ein paar Schritte meines Spazierganges gemacht hätte, hätte ich ebenso die Kraft verbraucht. Es handelt sich nicht darum, was in mir geschieht, und es kann sich im nationalökonomischen Zusammenhang nicht um irgend etwas handeln, was auf den menschlichen Organismus Bezug hat. Es kann sich nicht darum handeln, die Frage aufzuwerfen: Was hat der Mensch zu bekommen, weil er Ersatz zu leisten hat für verbrauchte körperliche Kraft? -, sondern es kann sich lediglich darum handeln: Welche innere Bedeutung kommt jener Metamorphose zu, die sich im Grunde genommen ganz außerhalb des Menschen vollzieht, die er nur dirigiert, die er nur leitet, jener Metamorphose, daß der Apfel zuerst auf dem Baum oben und dann in seinem Körbchen ist. Denken Sie einmal, Sie zeichneten den ganzen Vorgang, oder malten ihn. Sie malen den Baum, daneben den Menschen. Sie malen jetzt, wie der Mensch seine Hand ausstreckt, eine Leiter aufstellt und seine Hand ausstreckt, den Apfel pflückt, und malen dann, wie er ihn ins Körbchen tut. Jetzt machen Sie sich einmal sagen wir, das Vergnügen: Sie radieren den Menschen ganz aus, Sie radieren alles dasjenige weg, was Ihre Malerei vom Menschen war, und betrachten bloß dieses objektiv außerhalb des Menschen Vor-sich-Gehende: der Apfel ist oben, bewegt sich herunter, ist im Körbchen drinnen; Sie haben den Menschen ganz ausgeschaltet. Den Vorgang, der aber im Leben volkswirtschaftlich in Betracht kommt, den haben Sie da streng ins Auge gefaßt. Der ist darinnen geblieben, um den handelt es sich, wenn es sich um eine wirtschaftliche Betrachtung handelt, Und jedesmal wird die rein wirtschaftliche Betrachtung auf einen falschen Boden gestellt, wenn man in die wirtschaftliche Betrachtung den Verbrauch der Lebenskraft oder Körperkraft und dergleichen einschaltet, wie es Lassalle, wie es Marx, wie es aber auch fast alle anderen akademischen Nationalökonomen tun.

Dasjenige also, worauf es ankommt, das ist, daß wir da, wo es sich um wirtschaftliche Zusammenhänge handelt, den Menschen ausschalten können. Wir müssen dann diesen ausgeschalteten Menschen wiederum für sich betrachten können. Da kommen wir dann zu anderen Zusammenhängen, zu den Zusammenhängen, welche auf einem anderen Boden stehen. Indem wir sagen: Ja, die Menschen müssen aber doch arbeiten, sonst fallen die Apfel nicht von den Bäumen in die Körbchen hinein, sobald wir dieses aussprechen, merken wir: Jetzt können wir den Menschen nicht wegradieren. Aber wir können vor allen Dingen seine Seele nicht wegradieren, wenn er noch Mensch bleiben soll. Wenn der Mensch eben Mensch bleiben soll, so muß der Antrieb zur Arbeit in ihm selbst liegen. Er kann nicht Mensch bleiben, gleichgültig, ob man einen Apparat ersinnt, wodurch der Mensch so langsam durch irgendwelche technischen Vorgänge hingetrieben wird zu der Leiter, wodurch sein Arm in die Höhe gehoben wird, die Finger gebogen werden und so weiter, gleichgültig, ob man dies tut oder ob man Arbeitszwang von Staats wegen einführt, was ja im Grunde genommen schließlich auf denselben Effekt hinauskommt, als wenn man das andere annimmt. Es handelt sich darum, daß der Impuls im Inneren des Menschen liegen muß. Er wird nicht im Inneren des Menschen liegen, wenn er nicht entzündet wird durch das Verhältnis, durch den Verkehr von Mensch zu Mensch.

Sie sehen, man kommt auch in der Betrachtung auf ein ganz anderes Gebiet als dasjenige, was das wirtschaftliche Gebiet war, wenn man zu dem Antriebe der Arbeit übergeht. Wenn es sich um den Antrieb zur Arbeit handelt, da können Sie nicht absehen vom Menschen, da können Sie aber auch nicht absehen von dem Innersten des Menschen. Wenn Sie wirklichkeitsgemäß diese Sache verfolgen, dann werden Sie eben finden: es ist so radikal verschieden das eine, was ich erwähnt habe, der wirtschaftliche Vorgang, von dem, was eigentlich zur Arbeit führt, was der Impuls der Arbeit ist, daß diese Verschiedenheit in der sozialen Wirklichkeit selbst wurzeln muß.

Nun gibt es ja viele Denkweisen, um zur Dreigliederung des sozialen Organismus zu kommen. Aber man sollte viele Denkwege gehen, denn der Mensch braucht heute einen starken Antrieb, er ist so denkschläfrig! Sie werden vor allen Dingen finden, daß dieses Gestrüppe von Vorstellungen, welches alles zusammenschweißen möchte, was wirtschaftliches, rechtlich-staatliches, was Geistesleben ist, durchaus ersprossen ist aus dem Materialismus, der aber zu gleicher Zeit, indem er als Weltanschauung entsteht, auch die Seele bindet an die körperlichen Vorgänge, damit aber diese Seele auch passiv macht, diese Seele in ihrer Aktivität ertötet. Wir sind nicht etwa bloß materialistisch geworden, theoretisch materialistisch, wir sind materiell geworden. Der Mensch kann deshalb nicht durch eine Umänderung seiner Denkweise allein aus der Katastrophe heraus sich winden, in der er sich heute befindet, sondern er kann nur durch einen Ansporn seines Willens sich herauswinden. Denn der Wille ist dasjenige, was zunächst als erstes Seelisches unabhängig ist vom Leiblichen und nicht ganz, wenn er überhaupt in Anwendung kommt, an das Leibliche gespannt werden kann. Denn in jedem Augenblicke, in dem ich irgendein Äußeres tue, wird mir der unmittelbar anschauliche Beweis geliefert, daß der Wille von dem Materiellen des Leibes unabhängig ist. Denn der Wille ist tätig in dem Herabnehmen des Apfels vom Baum und dem Hineinlegen des Apfels in das Körbchen. Dasjenige, was der Mensch ißt, kann ich von dem rein wirtschaftlichen Prozesse ausschalten; den Willen der Menschen kann ich nicht ausschalten.

Ich wollte Ihnen damit heute nur wiederum eine Art des-Gedankenganges angeben, durch den Sie die tiefe Berechtigung dieser Dreigliederungsideen finden können. Zunächst habe ich Ihnen gezeigt, wie ganz verschieden der Impuls der Arbeit ist von alldem, was ins Wirt-schaftsleben eingeschlossen ist. Sie wissen ja, daß er im dreigliedrigen Organismus auf staatlich-rechtlichem Gebiete liegen soll. Aber wenn Sie nach anderen Richtungen hin die heute angeregten Gedankengänge verfolgen, nach der Richtung zum Beispiel, wie verworren die Vorstellungen werden mit Bezug auf den Anteil der körperlichen Arbeit und der geistigen Arbeit bei der Erzeugung des Produktes - wenn man so denkt, wie die letzten drei bis vier Jahrhunderte die Menschen denken gelernt haben -, dann werden Sie auch sehen, wie dieser Denkknäuel, der da entstanden ist, auch wiederum dann verwirrend wirkt, wenn man das geistige Leben rein absondern will vom rechtlichen und wirtschaftlichen Leben. Denn irgendeine Wirkensnotwendigkeit liegt nicht vor, wenn man die Anschauung hat, daß der Mensch eben in der Arbeit Körperkraft verbraucht, die ihm ersetzt werden muß durch den Lohn. Das haben wir ja gesehen, daß eine solche Wirkensnotwendigkeit nicht vorliegt. Wie kommt man denn dazu, einen solchen Gedankengang zu hegen? Wie kommt man dazu, diese Idee überhaupt aufzustellen? Man kommt aus materialistischen Untergründen dazu. Man kann sich in seinem Denken nicht loslösen von der Materie. Man kann nicht finden etwas, was vom Menschen ausgeht und was unabhängig ist von seinem Leibe. So wird man gekettet mit seinen Ideen an den Leib. Die Nationalökonomie wird materialistisch gekettet an den Leib. Weil sie die rein geistigen Zusammenhänge in der Außenwelt im wirtschaftlichen Leben nicht sehen kann, wird sie abgelenkt auf den rein materiellen Vorgang des Körperkraftverbrauches und des Ersatzes. Kraft abgeben, Kraft aufnehmen, Kraft abgeben, Kraft aufnehmen und so weiter! Man will sich ganz im Materiellen bewegen und kann deshalb auf nichts anderes kommen als gewissermaßen auf die Einschaltung des Menschen als Maschine in den nationalökonomischen Organismus.